Haftbericht (Teil 3)
Heute ist Verhörtag. Ob das nach Plan geschieht oder einfach nur weil Frau Zuchthausdirektorin Baroness Mercedes Lust hat sich an der Angst und der Nervosität der Gefangenen zu ergötzen weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich , wenn sie das hier ließt, Haftverschärfung bekomme. Im extremsten Fall Dunkelhaft. Das ist so ziemlich das ... ich weiß gar nicht wie ich es ausdrücken soll. Es ist schlimm, einfach nur schlimm. Erst bekommst du Panik, aber du versuchst dich immer wieder zu beruhigen. Sagst dir selber, dass es gleich aufhören wird, dass es gleich wieder hell wird und du gleich wieder die Möglichkeit hast dich über das was du siehst in irgendeiner Form zu beschäftigen. Dann merkst du, dass sich nichts ändert. Gar nichts passiert. Nichts. Gut ist es, wenn du schlafen kannst. Dann ist es leichter. Doch nur wenige können schlafen.
2015 kann es nicht. Er ist gestern in die Zelle nebenan verlegt worden. Kurze Zeit später fing er an zu schreien. "Haftkontrolle! Haftkontrolle!!!" "Hilfe!!!" "Lasst mich hier raus!!!" "Ich will hier raus!!!" "HILFE!!"
Dann waren sie wieder zu hören: Die Absätze. In den Fluren der Anstalt hallt der Klang der Stiefel nach. Die Tür der Zelle neben mir wird geöffnet. Dann erst mal gar nichts. Doch dann höre ich wieder 2015. Er wimmert. Er sagt auch irgendetwas, doch er ist zu leise - ich kann ihn nicht verstehen. Doch sie verstehe ich. Sie klingt nicht gerade gut gelaunt und ich möchte nun nicht in der Haut von 2015 stecken. "Du kleiner Wurm - Was schreist du hier so rum?" "Glaubst du ich habe nichts besseres zu tun als hier deinen Babysitter zu spielen?!?" "Ich erwarte deine Meldung!" Wieder wimmert 2015 etwas. "Haftkoller?!?" "Du hast überhaupt keinen Grund so zu jammern. Was hast du denn erwartet? Das Hilton? Mit Roomservice?" "Ich biete dir Roomservice, du wirst von mir persönlich abgeholt, Morgen, zum Verhör." Ich höre wieder ihre Absätze, doch auf einmal stoppen sie. Sie ist noch immer in der Zelle. 2015 hat wieder angefangen zu wimmern. "Scheinbar brauchst du vorher noch ein kleines Bonbon, damit du bis Morgen warten kannst." Ihre Stimme klingt sarkastisch. "24 Stunden Dunkelhaft." Die Absätze sind wieder zu hören, dann schließt die Zellentür und ihre Schritte entfernen sich. Doch kurze Zeit später sind sie wieder zu hören. Sollte sie ihren Kontrollgang fortsetzen, wäre ich der nächste... Glück gehabt. Die Tür nebenan wird wieder geöffnet. "Hilfe!!! Holt mi..." 2015 ist sofort still. Damit hat er nicht gerechnet. Doch ihre Stimme hört man wieder laut und deutlich... "Damit du im dunkeln nicht umherirrst, fixiere ich dich an deiner Pritsche. Ich kann es ja nicht sehen, weiß aber trotzdem genau was nebenan gerade passiert. Mit Hand- und Fußfesseln wird sie 2015 erst an seine Pritsche fesseln. Um dieser Maßnahme Nachdruck zu verleihen, wird sie eine Eisenkugel an sein Bein schnallen. Alles weitere hängt von ihrer Laune ab. Es kann sein, dass sie ihn von jetzt an alle zwei Stunden besucht, das Licht an macht und ihn von seiner Pritsche herunterzerrt, damit er in seinen Eimer pinkelt. Vielleicht legt sie ihm auch einen Katheter. Aber dann hat sie wirklich gute Laune. Im Normalfall lässt sie einen mit diesem Problem alleine um dann im nachhinein das Reinigen von Pritsche und Fußboden beaufsichtigen zu können.
"Pisst du dich voll, hast du Pech gehabt. Doch sei dir sicher, du machst die Sauerei nachher wieder weg!"
Damit war meine Frage schon beantwortet.
"Wenn du weiter schreist, gebe ich deinen Mithäftlingen Morgen die Möglichkeit sich bei dir zu bedanken. Denn die werden Morgen alle verhört - und das haben sie nur dir und deiner Schreierei zu verdanken. Ich bin überzeugt, die werden sich freuen dich in die Finger zu kriegen. Doch jetzt genieße erst mal die Dunkelheit."
Ich höre wie die Tür verschlossen wird und sich ihre Schritte endgültig entfernen. 2015 ist ruhig, damit habe ich nicht gerechnet. Doch vielleicht schnürrt ihm der Gedanke an die wütenden Mitgefangenen die Kehle zu. Aber 24 Stunden Dunkelhaft sind hart und die Nacht, wenn alles ruhig ist steht ihm noch bevor. Und die ist lang. |