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Haftbericht (Teil 2)

Mein Name ist Gefangener 2021. Mehr Persönlichkeit ist mir hier nicht erlaubt. Im Gegensatz zu Häftling 2015, sitze ich schon eine ganze Weile ein. Wie lange? - Ich weiß es nicht. Hier drin verliert sich das Zeitgefühl. Man bekommt einen völlig neuen Tagesablauf. Es ist nicht wie draußen - aufstehen; Frühstück und im Stau auf dem Weg zur Arbeit stehen. Hier sieht der Morgen anders aus: Aufstehen; Zelle reinigen; ausharren; ein trauriges Stück Brot und eine Schüssel Wasser für den Vormittag. Die einzigen Unregelmäßigkeiten sind die Kontrollen. Ohne Vorwarnung geht auf einmal die Tür auf und Frau Direktorin steht im Vorraum der Zelle. Sie sieht alles. Auf den ersten Blick hat sie erkannt ob man versucht hat etwas zu verstecken, ob die Zelle vorschriftsmäßig gereinigt wurde oder ob man sich vielleicht sogar unsittlich berührt hat. Ich weiß nicht woran sie es erkennt, aber sie weiß es einfach. Ach ja, und die Schreie von Mitgefangenen - das sind auch Unregelmäßigkeiten, die den Tag unterbrechen. 2015 gehört zu den Schreiern. So nennen wir hier drin die, die sich nicht beherrschen können. Nach kurzer Zeit weiß man auch welche Nummer zu welchem Schreier gehört. Man kriegt ja mit, wie sie dann über die Gänge geführt werden. Irgendwann fällt dann auch mal ein Satz und eine Anrede und schon weiß man wer der neue Schreier ist. Eigentlich wäre es ja sogar egal. Doch man sucht hier drin nach Informationen. Dann hat man mal wieder etwas, mit dem man sich beschäftigen kann. Wenn gar nichts mehr geht und die Verzweifelung in einem hoch kocht, kann man wenigstens den anderen für die eigene Situation verantwortlich machen. Auch wenn das nicht stimmt, doch manchmal tut es mir einfach gut, wenn ich durch die Zellenwände 2015 anschreien kann, dass er eine dumme Sau sei und endlich aufhören soll zu schreien. Das ich ihm ansonsten darüber käme um ihm die Fresse zu polieren. - Ist alles Quatsch. Ich kenne den Mann gar nicht. Vielleicht ist er sogar ganz nett. Und zu ihm rüber kommen kann ich erst recht nicht, ich bin ja genauso gefangen wie er.

Rumms- Da geht die Tür auf: "Was treibst du für einen Unfug - bei was habe ich dich erwischt?!"
Diese Stimme duldet keinen Widerspruch. Man ist ertappt, obwohl man gar nichts gemacht hat. Das meinte ich. Da sitzt man auf vier Quadratmetern und wartet darauf dass der Tag endet und auf einmal wird man aus der Ruhe gerissen und steht vor dieser Frau. Man schaut ihr in die Augen und wird unsicher - habe ich alles gemacht, was ich machen sollte? habe ich mehr gemacht, als ich machen sollte? habe ich mich daneben benommen? Oder ist gar ein Vergehen aus der Vergangenheit ans Licht gekommen? Selbst bei völlig reinem Gewissen fühlt man Unruhe bei diesem durchdringenden Blicken.
"Ich erwarte deine Meldung! - Wird`s bald!?!" "Gefangener 2021, Haus C, Block A, Zelle 17 meldet keine besonderen Vorkommnisse."
"Es ist Waschtag. Stell dich an die Klappe!"
Die Klappe ist in der Zelle neben der Tür. Durch sie muss ich meine Hände strecken um sie von Frau Zuchthausdirektorin Baroness Mercedes in Handschellen legen zu lassen. Erst nach dieser Prozedur öffnet sie die Zellentür.
"Nimm deinen Eimer und tritt vor!"
Sie öffnet die Türen, schließt sie nach mir wieder, bleibt aber immer hinter mir. So hat sie mich immer im Blick. Man spürt diesen Blick im Nacken, es ist als hätte sie ihre langen Fingernägel dort in die Haut gebohrt.
"Du hast jetzt 15 Minuten Zeit dich und deinen Notdurfteimer hier im Sanitärbereich zu reinigen. Um Punkt 11.00 Uhr stehe ich wieder vor dieser Tür und erwarte das du fertig bist. Bist du es nicht, hast du Pech gehabt. Dann gehst du nicht nur dreckig zurück in deine Zelle, sondern darfst vorher noch die Notdurfteimer der anderen Gefangenen entlehren und reinigen."
Damit verschwindet sie. Ich höre noch eine Weile ihre Absätze auf dem Fußboden der Gänge.

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